Montag, 28. Januar 2019

Fremdbetreuung - Fluch oder Segen? Oder beides?

Krippe, Kita, Kindergarten, Elterinitiative und Co. - Wem bringt das was? Und brauche ich das? 

Als unser erstes Kind auf die Welt kam, stand der Plan für die nächsten Jahre, was die Betreuung anbetraf schon fest. Ich, mitten im Studium, mein Freund (damals hatte ich noch einen eigenen Nachnamen) war am Ende seiner Ausbildung. Wir waren uns einig, dass es für uns die Notwendigkeit gab, unsere Tochter betreuen zu lassen, damit wir beide unsere Ausbildung zu Ende bringen konnten und sie bei meinem Arbeitseintritt schon aus dem Gröbsten raus sein würde. Alles optimal. Oder? 

Das war es tatsächlich. Nachdem ich unsere Tochter für die Uni-Krippe, in die sie ab ihrem ersten Geburtstag gehen sollte, angemeldet hatte, mussten wir erstmal ernüchtert feststellen, dass es gar nicht so einfach war, einen Platz zu bekommen. Wir suchten also nach einer Übergangslösung bis zum Krippenstart. Diese fanden wir dann mit etwas Glück auch in Form einer großartigen, empathischen Tagesmutter, die noch ein Plätzchen für unsere Tochter frei hatte. Alle Ampeln standen auf Grün. 

Alle bis auf die Wichtigste. Die unserer Tochter. Nie hätte ich bei ihr gedacht, dass sie sich schwer tun könnte. Sie war ein dauerfröhliches, offenes Kind, dass gern von anderen Kindern umgeben war und sich immer wie ein Schnitzelchen freute, wenn wir was unternahmen. Je mehr Action, desto besser. Schneller, höher, besser. Das hat sich bis heute nicht geändert. Doch dann kam das ABER... Groß und beinahe unüberwindbar... 

Trotz einer langsamen und sehr sehr sanften Eingewöhnung, weinte meine Tochter auch nach zwei Wochen bitterliche Tränen, wenn ich ging. Ich fing langsam an, unseren Plan anzuzweifeln. Wie konnte das alles richtig sein, wenn es sich so unsagbar falsch anfühlte. Sie weinte und ich auch. Doch dann kam der Tag der Tage. Die Tagesmutter öffnete nach einer einstündigen Trennung die Tür, selbst ein bisschen Glitzern in den Augen und sagte mir, dass unsere Tochter sich ihr zugewandt hatte und sich hatte trösten und begleiten lassen. Sie war sogar beim Schaukeln in einer großen Schiffsschaukel im Betreuungsraum einfach so eingeschlafen. Ich konnte es nicht glauben. Ab da ging meine Tochter mit einer Selbstverständlichkeit zur Tagesmutter. Keiner hatte sie gebrochen, sie musste nie länger weinen. Immer waren die Tagesmutter und ich in engem Kontakt. Ich war glücklich. Und traurig. Ich habe sie vermisst, aber auch die Zeit an der Uni sehr genossen. 



*

Nach einiger Zeit konnte unsere Tochter dann in die Krippe der Uni wechseln, wo sich unsere "Erfolgsstory" fortsetzte. Ich war begeistert von dem empathischen und fürsorglichen Umgang der Erzieherinnen mit den Kindern. Jedes Kind wurde für sich genommen und so individuell behandelt. Unsere Tochter durfte die ersten Monate in einem selbst mitgebrachten Kinderwagen ihren Mittagsschlaf halten. Dann war sie bereit mit den anderen Kindern gemeinsam den Mittagsschlaf abzuhalten. Alles in ihrem Tempo, nach ihren Bedürfnissen. Trotz dessen, dass ich einen Ganztagesplatz hatte, war es mir aber wichtig, so viel Zeit wie möglich mit unserer Tochter zu verbringen. So holte ich sie immer direkt nach dem letztem Seminar des Tages, selten später als 3 Uhr ab. Ich habe ungeachtet der wirklich tollen Betreuung unseres Kindes nicht nur positives Feedback meiner Freunde und meiner Familie geerntet. Da fielen auch Sätze wie: "Du hast doch keine Ahnung von deinem Kind, wenn du es jeden Tag stundenlang abschiebst." oder "Also meinem Kind könnte ich das nicht antun. Aber bei dir ist das ja was anderes." 

Nun, ist es das? Habe ich mein Kind abgeschoben? Habe ich meine Bedürfnisse über die meines unmündigen Kindes gestellt? War ich vielleicht einfach zu wenig einfühlsam, um die Not meines Kindes zu sehen? 

Ich würde sagen: Nein! Ich habe immer geschaut, dass es unserer Tochter gut ging. Nie, und ich meine das mit reinstem Gewissen, nie habe ich sie weinend in der Krippe gelassen und bin gegangen. Sie gab immer das Tempo an. Die Verabschiedung unterlag stets ihrem Reglement. 

Aber ich würde auf diese Fragen auch ja sagen. Denn nach einer wundervollen Krippenzeit wechselte unsere Tochter in einen ländlich gelegenen Kindergarten, bei dem ich, naiv und verwöhnt wie ich war, davon ausging, dass er dieselben Maßstäbe an die Betreuung legte, wie die bisherigen Einrichtungen. Tja, Pustekuchen! 
Die Eingewöhnung war, nett gesagt miserabel. Nicht nur einmal ging ich mit einem mulmigen Gefühl. Innerlich immer noch daran glaubend, dass es meinem Kind hier gut ginge. Das Glück unserer Tochter in dieser Einrichtung war, dass die Erzieherin und gleichzeitig Leitung sie mochte. Sie mochte ihre aufgeweckte Art, dass sie clever war und dass sie süß war. Allein diese Tatsache hat uns 1,5 Jahre in dieser Einrichtung überleben lassen. Denn eine andere Einrichtung gab es nicht und mein Studium konnte ich wegen der Fristen nicht länger nach hinten rausschieben. Irgendwann kam der Punkt, an dem für unsere Tochter die Verhältnisse, die nie sie persönlich negativ betrafen, untragbar wurden. Sie konnte es nicht ertragen, dass andere Kinder vor die Tür gesetzt wurden, geschimpft wurden und zum Teil BE-schimpft wurden. Gleichzeitig war sie noch zu klein, um mir das mitzuteilen. Ich merkte nur, wie ihre kleine Seele trauriger und trauriger wurde. Bis sie nicht noch mehr ertragen konnte. Doch all diese Vorfälle waren mir damals nicht bekannt. Alle anderen Eltern sagten nur Sachen wie: "Ach, da müssen sie durch!" oder "Was nicht tötet, härtet ab!" oder "Man muss auch mal mit Widerständen zurechtkommen, sonst kriegt man am Ende nur so verweichlichte Bratzen raus."


*

Ich zog also die Reißleine. Setzte alles in Bewegung was ging und meldete meine Tochter wieder in der Universitätsstadt, 30km von uns entfernt in einem anderen Kindergarten des Studentenwerks an. In der Zwischenzeit hatte sie einen Bruder bekommen, der ebenfalls mit einem Jahr in der Uni in die Krippe ging und dort wie auch sie damals sehr glücklich war. Nachdem ich mich durch die bürokratischen Hürden gekämpft hatte, mir abfällige Sprüche über meine Kompetenzen als Mutter auf dem Dorfspielplatz anhören durfte und die ein oder andere Nacht über der Entscheidung, mein Kind wieder wechseln zu lassen, verweint hatte, ging mein Kind in den neuen Kindergarten. Jeden Morgen fuhr ich also 30 km mit zwei Kindern, die in unterschiedliche Einrichtungen gingen und am späten Mittag fuhr ich dasselbe wieder zurück, damit meine Kinder nicht den Anschluss im Ort verloren und ihre Freund sehen konnten. 
Nach und nach lernte unsere Tochter, dass dieser Kindergarten ganz anders funktioniert. Sie wurde gleichwürdig behandelt, ihre Bedürfnisse wurden respektiert, sie durfte sich so zeigen, wie sie war, etc. Im gleichen Atemzug begann sie mir zu erzählen, was sie bisher erfolgreich verdrängt hatte. Sie erzählte mir, dass sie im alten Kindergarten nicht entscheiden durfte, wie viel sie von ihrem Vesper essen möchte, denn: "Alles, was du mir der Hand berührst, musst du auch aufessen!", sie erzählte auch von dem Umgangston, der dort vorherrschte und sie legte nach und nach ihre Verteidigungshaltung ab, die sie bei jeder Frage, bei der es um Verantwortlichkeiten ging, mit: "Das war ich nicht!" beantwortete. Hysterisch und ängstlich. 
Jetzt erst wurde ich mir der Tragweite dieser Zeit im dem alten Kindergarten bewusst. Sie hatte so viel erleiden müssen, still und heimlich. Sie machte alles mit sich selbst aus. Dass sie so ein Typ ist, wusste ich schon vorher. Das hat sie wohl von mir. Und jetzt konnte sie das alles loslassen. Der neue Kindergarten versöhnte sie mit dieser Vergangenheit, diesen Erfahrungen und überdeckte die schlechten Erfahrungen mit neuen tollen Erlebnissen, Freunden und Stunden. Bis zur Schule ging sie in diesen Kindergarten und auch unser Sohn folgte ihr dorthin und war selig. 

Hand in Hand in eine tolle Kita


Inzwischen wohnen wir wieder an einem anderen Ort. Unser Sohn musste leider auch die Erfahrung machen, dass nicht jeder Kindergarten gut ist. Denn auch ich habe was neues gelernt. Eine gute Leitung macht keinen guten Kindergarten, wenn einzelne Erzieherinnen ihre Philosophie nicht mittragen. Und so meldete ich ihn wieder ab. Er blieb 7 Monate bei mir zuhause. Wir lernten unser neues Zuhause und den neuen Ort kennen, die Tochter fühlte sich in der Schule ganz wohl und mit inzwischen drei Kindern schwor ich mir abermals: "Niemals werde ich eines meiner Kinder nochmal einer schlechten Einrichtung aussetzen!"

Ich halte dieses Versprechen. Inzwischen geht meine Sohn wieder mit Begeisterung in den Kindergarten, ist stolzer Vorschüler und findet endlich erste Freunde im neuen Wohnort. Die schlechten Erinnerungen bleiben aber. Bei uns allen. 


*

Um nochmal die Frage zu stellen: Ist Fremdbetreuung jetzt Fluch oder Segen? 

Inzwischen beantworte ich diese Frage für mich so:
Fremdbetreuung kann ein großer Segen sein. Vor allem für Familien, die keine Hilfe von der Verwandtschaft haben oder auf jeden Cent angewiesen sind. Hier sollte man als Außenstehender immer sehr vorsichtig mit Urteilen sein. 
Oder man hat sich die Zeit mit Baby und Kleinkind vor der Geburt komplett anders vorgestellt, als sie es dann tatsächlich ist. Man hat das Gefühl einem fällt die Decke auf den Kopf, man vermisst die Selbstbestimmung und die Zeit, um sich geistig fit zu halten. All das sind, auch wenn nicht für alle nachvollziehbar, absolut akzeptable und gute Gründe, um sein Kind in Betreuung zu geben. Denn eines habe ich in den letzten 8 Jahren immer wieder lernen müssen: Nur Eltern, die sich auch um sich selbst und ihre Bedürfnisse kümmern, können ihrem Kind all das geben, was es  braucht. 

Aber Fremdbetreuung kann auch ein Fluch sein. Wenn Kinderbetreuung durch äußere Zwänge begründet ist, also wenn das persönliche Umfeld Mütter und Väter unter Druck setzt, ihr Kind frühzeitig oder überhaupt in Betreuung zu geben. Wenn es keine guten Einrichtungen in der Nähe gibt und die Eltern auf eine Betreuung angewiesen sind, weil nun mal beide arbeiten müssen. Oder wenn man alleinerziehend ist und keine familiäre Unterstützung hat, aber eigentlich viel lieber mit dem/den Kind(ern) zuhause bleiben würde. 

So viele Gründe es für oder gegen eine Betreuung gibt, so viele individuelle Hintergründe gibt es, warum Eltern diese in Anspruch nehmen oder auch nicht. Wichtig ist, nie zu vergessen, dass man nur seine eigene Geschichte kennt und nicht beurteilen kann, warum andere Eltern es anders machen. Daher gilt für mich an erster Stelle der Respekt vor der Entscheidung aller Eltern in diesem Thema. Woher soll ich wissen, ob die Nachbarskinder zuhause oder in der Kita besser aufgehoben sind? Ich kann es nicht und daher enthalte ich mich jeglichen Urteils. 

Auch den Erzieherinnen und Erziehern gegenüber ist es oft mehr als unfair, alle Einrichtungen und das dazugehörige Personal über einen Kamm scherend zu verteufeln. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern ganz viel dazwischen. 

In dem Sinne,

Leben und leben lassen. 

Eure Tanja

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